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4. Brandenburger Aktionstag Wohnen im Alter 2016

Wohnen im Alter - im Spannungsfeld zwischen Selbstorganisation und Betreuung
Viele Teilnehmer waren gekommen.

Am 15.09.2016 fand im BĂŒrgerhaus am Schlaatz in Potdam der 4. Brandenburger Aktionstag „Wohnen im Alter“ statt, diesmal in Kooperation der Akademie 2. LebenshĂ€lfte mit der Fachstelle fĂŒr Altern und Pflege im Quartier im Land Brandenburg. Wieder waren mehr als 70 Interessierte aus allen Teilen des Landes gekommen, unter ihnen viele Vertreter der regionalen SeniorenbeirĂ€te, aber auch der Kommunen, der Wohnungswirtschaft und andere. FĂŒr viele ist die Veranstaltung schon eine Tradition geworden, auf der sie sich RĂŒstzeug fĂŒr die Argumentationen vor Ort zur Durchsetzung besserer Wohnbedingungen fĂŒr das Alter holen.

 
ABLAUF
Begrüßung und Einführung
Monika Mey, MASGF

Frau Monika Mey vom Ministerium fĂŒr Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen des  Landes Brandenburg begrĂŒĂŸte die FortfĂŒhrung dieser Reihe und freute sich ĂŒber die gute Resonanz. Aus ihrer Arbeit weiß sie, welchen Stellenwert das Thema Wohnen unter den Senioren hat. Das Land kann hier durch die Verbreitung guter Beispiele und wissenschaftlicher Erkenntnisse, durch Austausch und Vernetzung beitragen, dass die regionalen VerĂ€nderungen vorankommen. Die neu geschaffene Fachstelle fĂŒr Altern und Pflege im Quartier ist dafĂŒr in Zukunft eine wichtige Adresse.

Marion Köstler, Akademie 2.Lebenshälfte

Als nĂ€chstes sprach Marion Köstler. Sie ist die Vorstandsvorsitzende des Fördervereins Akademie 2. LebenshĂ€lfte im Land Brandenburg e.V. und fĂŒhrte durch die Veranstaltung. Sie arbeitete deutlich heraus, wie sich die Generationen der Älteren verĂ€ndern. Die Vielfalt der Erwartungen der Menschen an ein Wohnen im Alter ist genauso breit wie die Vielfalt der Möglichkeiten, das umzusetzen. Sie plĂ€dierte dafĂŒr, neben der Schaffung der barrierefreien Wohnung und des Wohnumfeldes auch die menschliche, soziale Dimension des Wohnens zu betrachten. Es gilt die Balance zu halten zwischen individuellen WĂŒnschen nach selbstbestimmter, sinnvoll erlebter aktiver Alltagsgestaltung und Partizipation sowie der Vermeidung von Risiken eines möglich langen Verbleibs in der eigenen Wohnung.  Das geht nur durch Einbeziehung von Anfang an.
Was aber ist oft die RealitĂ€t? 'Versorgung!'; ' Betreuung' 'Angebote wie z.B. „Wir bieten Gemeinschaftswohnen“. Das geht an den Interessen vieler Älterer vorbei. Es wird fĂŒr die Menschen geplant, aber viel zu wenig mit ihnen. Dabei muss man immer wieder fragen: Welche Altersbilder stecken hinter den sogenannten 'Angeboten'? Mit dem Wohntag soll die Diskussion dazu angeregt werden, wie man hier ein Umdenken erreichen kann. Gute Beispiele gibt es jedenfalls. Einige davon werden hier vorgestellt.


Die Beiträge
Britta Hecht, FAPIQ

Selbstorganisation stĂ€rken, Betreuung sichern - Brandenburger Erfahrungen und Strategien 
Unter diesem Titel gab Frau Britta Hecht  von der Fachstelle Altern und Pflege im Quartier im Land Brandenburg eine Überblick ĂŒber die Begriffe und Formen des Wohnens. Was heißt eigentlich Selbstbestimmung und SelbststĂ€ndigkeit? Welche Grenzen hat die Autonomie?
Sie plĂ€dierte fĂŒr Wahlmöglichkeiten zwischen akzeptablen Alternativen und stellte konkret Formen der Selbstorganisation in unterstĂŒtzenden Wohnformen und Pflege-WGs dar mit all ihren Gefahren. Dabei betrachtete sie vor allem auch die Sicht der Angehörigen.
Gleichzeitig stellte sie das Angebot der Fachstelle fĂŒr die StĂ€rkung dieser AnsĂ€tze dar.

Präsentation Britta Hecht
PDF-Datei (610 kB), Oktober 2016

Als nĂ€chster berichtete Herr Wolfgang Schönfelder, der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Berlin-Brandenburgischen Verbands (BBU) der  Wohnungswirtschaft, von Erfahrungen seiner Mitgliedsunternehmen. Der BBU ist von Anfang an ein wichtiger Partner fĂŒr das Wohnen im Alter. Viele Wohungsgesellschaften und -genossenschaften des Verbandes haben beispielhafte AnsĂ€tze entwickelt und umgesetzt, wie immer wieder bei der Auszeichnung mit dem Siegel  'gewohnt gut' deutlich wird. Auch Herr Schönfelder zeigte auf, wie schwierig, aber auch wie wichtig es ist, die BedĂŒrfnisse und Potenziale der Älteren aktiv einzubeziehen, um neue Lösungen fĂŒr die Zukunft zu finden.

Präsentation Herr Schönfelder
PDF-Datei (332 kB), Oktober 2016

Joachim Hommel, Antje Kircheis

 'Ein Investor verĂ€ndert sein Denken' 
Etwas provokativ war das Thema gewĂ€hlt, unter dem die Initiatorin Antje Kircheis als Seniorenbeiratsvorsitzende und der Investor Joachim Hommel das wunderbare Beispielprojekt 'Haus am Kalkgraben'   in RĂŒdersdorf im Plenum vorstellten. Aber Herr Hommel steht zu diesem Titel und erzĂ€hlte davon, wie er selbst durch die enge Zusammenarbeit mit den Senioren ein anderes Bild von dem Haus bekommen hat, das er bauen wollte. Heute ist er sehr stolz auf ihr gemeinsames Werk und das Haus, in dem sich so viele Ältere wohlfĂŒhlen und es als 'ihr Haus' begreifen.          

  

Haus am Kalkgraben
 
Die Technik-Spürnasen
Technik-Spürnasen in Aktion

In der Mittagspause gab es einen Stand der Technik-SpĂŒrnasen, der gut genutzt wurde.
Zwei der ausgebildeten Seniorinnen - Frau Ingrid Dentler aus Werder und Frau Gabriele Oswald aus Potsdam, stellten mit ihrem Musterkoffer vor, welche vielfĂ€ltigen kleinen Lösungen fĂŒr ein leichteres Leben im Alter durch Technik es gibt. 
Am Jahresanfang waren erstmals interessierte Senioren und Seniorinnen aus dem Land fĂŒr ein solches Informationsangebot durch die Akademie 2. LebenshĂ€lfte ausgebildet worden. Sie sorgen jetzt vor Ort in ihren Regionen dafĂŒr, dass mehr Ältere wissen, was es alles fĂŒr Möglichkeiten gibt.
Auf dem Wohntag waren ihre Hinweise und Hilfsmittel sehr gefragt.
Weitere Informationen dazu finden Sie hier:

 

Am Nachmittag bestand in drei Fachforen die Möglichkeit zum intensiven Erfahrungsaustausch.

Forum 1

Wieviel Selbstorganisation will und kann ich im Alter meistern?
Akteure im Forum 1

Moderiert durch Marion Köstler beschĂ€ftigte sich das Forum 1 vor allem mit der Frage, wie Senioren selbst  ihre gute Wohnsituation mitgestalten können. Heinz Kreutzer von der GWV Ketzin stellte seine Erfahrungen zum Wohnen im Alter und als Ergebnis seiner Überlegungen vor allem sein aktuelles Wohnprojekt unter dem Motto seiner Gesellschaft ' Gemeinschaftlich Wohnen verbindet' in Ketzin vor. Frau Heide Thulke, seit Jahren im Seniorenrat Ketzin sehr aktiv fĂŒr das Wohnen im Alter, ist jetzt Bewohnerin dieses Objektes geworden und sehr glĂŒcklich. Als eine der ersten Aktionen hatte sie, gemeinsam mit einer Freundin, alle Bewohner dieser neuen Anlage eingeladen zu einem Kennenlernen in der schönen Außenanlage. An allen TĂŒren haben sie geklingelt und viele waren gekommen. Es war ein voller Erfolg, engagiert unterstĂŒtzt auch die Wohnungsgesellschaft und Herrn Kreutzer selbst. Diese Miteinander ist ein Erfolgsfaktor!
Die lebhafte Diskussion zeigte auf, dass es aber hĂ€ufig noch sehr schwierig ist, sowohl die Vermieter als auch die Älteren selbst fĂŒr ein solches Miteinander zu gewinnen und zu aktivieren.   Selbstorganisation heißt in erster Linie - selbst zu bestimmen, was im Haus gemeinsam gemacht wird.

Es passiert nichts, wenn es nicht Aktive gibt, die andere ansprechen und mitnehmen. Manchmal kann es auch heißen, auszuziehen, wenn man das GefĂŒhl hat, der Hausbesitzer will nur Geld verdienen, wie ein Beispiel des Betreuten Wohnens aus Potsdam zeigte.


Präsentation Ketzin
PDF-Datei (623 kB), Oktober 2016

 

Forum II

Möglichkeiten und Grenzen der Selbstbestimmung in der Pflegesituation
Britta Hecht, FAPIQ

Schwerpunkt dieses Forums war die Sicherung der Selbstbestimmung in der besonderen Situation der PflegebedĂŒrftigkeit. Britta Hecht, die ĂŒber langjĂ€hrige Erfahrungen solcher Projekte verfĂŒgt, moderierte die lebhafte Diskussion.
Im Mittelpunkt stand das gute Beispiel des Vereins Lebenswert e.V. aus Potsdam. Manja  Sprdlik berichtet von der Wohngemeinschaft, die sie mit anderen Angehörigen aus der Not heraus in Potsdam gegrĂŒndet hat. Sie selbst ist die Mieterin des Einfamilienhauses mit Garten und vermietet die Zimmer an die anderen Bewohner unter. Eine andere Möglichkeit gab es nicht, da der EigentĂŒmer der Immobilie zwar dem Projekt grundsĂ€tzlich positiv gegenĂŒbersteht, jedoch nicht einzelne Zimmer vermieten möchte.
Die Angehörigen planen bei der Mietzahlung jeden Monat einen Puffer ein, um Leerstand ggf. ĂŒberbrĂŒcken zu können. Auch bei der Dienstplangestaltung bringen sich die Angehörigen ein, und ĂŒbernehmen jeweils 2 Dienste pro Monat. Oft sind dies auch Enkel der Bewohner. Jeder bringt sich ein, wie er kann. DarĂŒber hinaus ist ein Pflegedienst beauftragt, der rund um die Uhr vor Ort ist. So kann es gelingen, dass zu jeder Zeit mindestens 2 Personen in der Wohngemeinschaft anwesend sind, um die Bewohner im Alltag und bei der Pflege zu unterstĂŒtzen.
Die Organisation der Wohngemeinschaft ist sehr aufwendig und Frau Sprdlik sagt, dass sie vorher wenig Hintergrundwissen hatte, sonst wÀre die WG wahrscheinlich nicht entstanden.

In dem anschließenden GesprĂ€ch wurde herausgearbeitet, was die Selbstorganisation in solchen Wohngemeinschaften begĂŒnstigt. Hier wurde als wichtige StĂŒtze die Nachbarschaft, also die Öffnung ins Quartier, genannt. Frau Sprdlik sagt auch, die Transparenz in allen Dingen fĂŒhre dazu, dass 'Angehörige nicht meckern, sondern anpacken'. Wer genau weiß, wie die Betreuung finanziell kalkuliert ist, und wie viel der Pflegedienst daran verdienst (in diesem Fall sehr wenig), weiß die Arbeit mehr zu schĂ€tzen, als wenn das GefĂŒhl entsteht, dass es einem Dienstleister vor allem um den Profit geht. Die Angehörigen spĂŒren so sehr direkt, dass die Selbstorganisation und die Übernahme von TĂ€tigkeiten Geld spart.

Wichtig fĂŒr die Selbstorganisation sei zudem die Kommunikation untereinander, z.B. in regelmĂ€ĂŸigen Treffen, per Mail oder auch ĂŒber die „WhatsApp-Gruppe“. Ohne eine Person, die alle FĂ€den in der Hand behĂ€lt, gehe es jedoch nicht.
Als hemmende Faktoren wurden komplizierte FormalitĂ€ten, hohe Auflagen (Brandschutz), wenig UnterstĂŒtzung von Ämtern (besonders Sozialamt) benannt.GrĂŒndet ein professioneller Dienstleister eine Wohngemeinschaft sei es zudem schwerer, das Engagement der Angehörigen anzuregen, da sich viele dann zurĂŒcklehnen und es den „Profis“ ĂŒberlassen, auch aus Angst vor Verantwortung („Was passiert, wenn ich außer meinem eigenen Angehörigen einen weiteren Bewohner der WG zum Spaziergang mitnehme und dieser verletzt sich bei einem Sturz???“).

Konzept der WG Lebenswert
PDF-Datei (128 kB), Oktober 2016

 

Forum III

Bedarfe und Ressourcen sehen – Möglichkeiten des Quartiersansatzes
Henrik Nolde und Wolfgang Luplow

Henrik Nolde ist in der neuen Fachstelle FAPIQ der Experte fĂŒr den Quartiersansatz. Er moderierte dieses Forum, bei dem es darum ging, Bedingungen fĂŒr ein gutes Miteinander der Partner im Quartier, insb. auch unter Einbeziehung der Älteren selbst zu definieren. Im Mittelpunkt standen die vielfĂ€ltigen Erfahrungen des GeschĂ€ftsfĂŒhrers der AWO SĂŒd Wolfgang Luplow. In einem vor allem lĂ€ndlich geprĂ€gten Einzugsbereich hat die AWO hier neue Wege beschritten, meist in enger Kooperation mit engagierten Wohnungsgesellschaften vor Ort. Am Beispiel des durch das BBU Siegel „gewohnt gut“ ausgezeichneten Projekts „gepflegt wohnen“ in LĂŒbbenau machte Herr Luplow deutlich, wie notwendig es ist neue Kooperationen dafĂŒr einzugehen. Nur in der Zusammenarbeit zwischen der Wohnungsgesellschaft WIS GmbH und der AWO SĂŒd konnte dieses Projekt umgesetzt werden. Jeder konnte seine spezifischen Kompetenzen einbringen. Die Wohnungsbaugesellschaft kĂŒmmert sich um die Vermietung und der Wohlfahrtsverband organisiert in einem benachbarten Haus ĂŒber ein Concierge Modell die notwendige Betreuung, bietet einen Mittagstisch und eine Tagespflege an. So können die Bewohnerinnen und Bewohner je nach Bedarf Leistungen nutzen. In einem Exkurs wurde auf die Möglichkeiten der technischen UnterstĂŒtzung im Quartier eingegangen.
In der anschließenden Diskussion wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen angesprochen. Hier gilt es Standards so zu setzen, dass das Engagement von Akteurinnen und Akteuren insbesondere im lĂ€ndlichen RĂ€umen aufgenommen werden kann und flexible Lösungen geschaffen werden können.
Im Mittelpunkt fĂŒr die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Stand das Wohnen. Anpassungen der Bauordnung und der Umgang mit DIN-Normen zum barrierefreien Bauen wurden intensiv diskutiert. Es wurde dabei auf die Orientierung am tatsĂ€chlichen Bedarf bei der Bereitstellung von barrierearmen bis barrierefreiem Wohnraum eingegangen.
FĂŒr die Gestaltung von passgenauen Lösungen und die Anregung von Projekten wurde ein Ansprechpartner fĂŒr die bauliche Umsetzung als nĂŒtzlich angesprochen. DarĂŒber hinaus bedarf es, so die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forum 3, der Kommunikation guter Beispiele und einer Möglichkeit des Austauschs.
Die Kooperation zwischen Wohnungswirtschaft und Sozialwirtschaft, wie im vorgestellten Beispiel, wurde als wichtige Ausgangspunkt fĂŒr die Vernetzung im Quartier angesehen. Die BĂŒndelung von Ressourcen, stellte fĂŒr die Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen der Vorteile bei der Umsetzung von QuartiersansĂ€tzen dar.

Präsentation Wolfgang Luplow
PDF-Datei (7 MB), Oktober 2016

 
Marion Köstler, Antje Baselau

Nach den Foren trafen sich die Teilnehmer/innen wieder im Saal und hörten sich Positionen und EindrĂŒcke  aus den Diskussionsgruppen an.

Das Schlusswort wurde von Marion Köstler von der Akademie 2. LebenshĂ€lfte und Antje Baselau von der Fachstelle fĂŒr Altern und Pflge gemeinsam bestritten. Sie waren sich einig mit den vielen interessierten Teilnehmern, dass es auch im nĂ€chsten Jahr einen solchen Aktionstag zum Wohnen im Alter geben sollte.

Die verschiedenen Teilprojekte wurden mit finanzieller UnterstĂŒtzung mehrerer Ministerien sowie aus Lottomitteln des Landes Brandenburg und durch das Seniorenpolitische Maßnahmepaket des Landes realisiert.